Heinrich schlägt Brigitte

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M. war zu Besuch. Wenn M. kommt, sollte Kuchen im Haus sein, denn M. weiß guten Kuchen zu schätzen und freut sich so darüber wie sonst fast niemand. Weil M. aber Freitagabend anreist, das Programm für den Besuch noch nicht feststeht und die gute Gastgeberin ja nicht nur Kuchen im Haus haben sollte, sondern unter Umständen auch ein Abendessen, hatte ich mir für den Vorabend ein straffes Programm aufgegeben: Käsekuchen und Spargeltarte. Beides haltbar und ich damit für alle Eventualitäten gerüstet.

Mit recht gelungener logistischer Planung war zwischen sieben und zehn Uhr abends alles erledigt: Mürbteig für die Tarte gemacht und kühl gestellt; Bröselboden für den Cheesecake hergestellt, angebacken und ausgekühlt; Käsemasse und Sour-Cream-Guss in zwei Schüsseln vorbereitet und bereitgestellt; Spargel angekocht, Ziegenkäseguss zusammengerührt; Tarteboden ausgerollt, Form befüllt, gebacken und anschließend gleich den Käsekuchen ins Rohr geschoben.

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So weit so gut.

Worüber ich mich an diesem Abend aber zum wiederholten Mal aufregen musste ist, wie schlecht viele Rezepte doch sind. Erst neulich habe ich festgehalten, dass ich gern nach Rezept arbeite und mich darauf verlassen möchte. Was nicht heißt, dass ich nicht improvisieren könnte und es auch tue, wenn etwas nicht stimmt. Trotzdem ärgert es mich, zumal mir einfach oft erst sehr spät auffällt, dass irgendwas faul ist.

Oder anders gesagt: Da ist dieses latente Gefühl, schon während des Einkaufs, dass 60 Gramm Ziegenkäse irgendwie wenig klingt für eine ganze Spargel-Ziegenkäsetarte. Auch beim Abwiegen von 150 Gramm Mehl wabert ganz weit hinten im Gehirn ein Gedanke: 150 Gramm? Ein ganzer Tarteboden? Aber erst, wenn ich das Klümpchen Teig dann vor mir sehe, schalten die entscheidenden Synapsen: Das ist doch nie und nimmer genug!

Und dann betrachte ich das Brigitte-Rezept noch einmal genau und vergewissere mich: Doch, angeblich für sechs Personen. Blick zum Teig, Blick aufs Rezept, Blick zum Teig – das reicht uns sonst gerade mal zu zweit. Aber jetzt ist es zu spät, die Menge zu verdoppeln, denn der Belag ist ähnlich knapp bemessen, der Abend vorangeschritten und ein Einkauf nicht mehr möglich. Also wird das klägliche Teiglein millimeterfein ausgerollt, so dass es gerade mal die kleinste Tarteform auskleidet, der Ziegenkäseguss wird kurzerhand verdoppelt, sonst läge der Spargel auf dem Trockenen. Und währenddessen denke ich immer wieder: Sechs Personen – so ein Quatsch! Sechs „Brigitte“-Redakteurinnen vielleicht. Oder sechs „Brigitte“-Models, die neben der Tarte posen sollen!

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„Brigitte“ erscheint bei Gruner + Jahr und im Verlagsprogramm befinden sich einige sehr bekannte Food-Zeitschriften. Da muss es doch möglich sein, von den Kollegen realistische Rezepte zu bekommen, sollte man meinen. Ich jedenfalls lobe mir in dem Zusammenhang den Kölner Heinrich, der vor Jahren beim „Perfekten Dinner“ ein amerikanisches Menü gekocht und mich als Zuschauer unendlich genervt hat – aber einen brillanten New York Cheesecake hat er gebacken, an den ich mich zum Glück erinnert habe und den ich nur empfehlen kann. 500 Gramm Frischkäse, 5 Eier, 200 Gramm Crème fraîche – Heinrich, du weißt, was ein Rezept ausmacht!

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