Raus aus der Sackgasse

Angenommen, man bucht einen Plätzchen-Backkurs, weil man denkt, dort könnte einem vielleicht wieder mehr Lust auf das Produkt gemacht werden, das einen jüngst so zur Weißglut gebracht hat; angenommen, man wähnt den angegebenen Ort mangels Unaufmerksamkeit für etwa ein Viertelstündchen von der Heimat entfernt; angenommen, man findet am Tag vor dem Termin heraus, dass es sich um einen gleichnamigen Ort rund 80 Kilometer entfernt handelt; weiter angenommen, man startet trotzdem noch frühzeitig und lernt dann, dass Darmstadt zur Rushhour so ziemlich das Letzte ist, was man kennenlernen möchte; und schließlich angenommen, man fegt nach eindreiviertel Stunden endlich mit überhöhter Geschwindigkeit und laut schreiend in den hintersten Odenwaldwinkel und wird gleich am Ortseingang von einem Sackgassen-Schild begrüßt – dann, meine Lieben, muss ein Plätzchen-Backkurs schon verdammt gut sein!Und was soll ich anderes sagen als: „Mission accomplished“.

Angesichts meiner anfänglichen Laune war das wirklich alles andere als selbstverständlich. Aber mehrere Komponenten haben dazu geführt, dass ich nach fast viereinhalb Stunden Kurs am liebsten noch die Nacht durchgebacken hätte.

Komponente eins: Die Kursleiterin

Ich habe Carola Merkel vom Landhotel Dornröschen (Sorry, aber den Apostroph zwischen s und ch krieg ich einfach nicht über mich…) nicht um Erlaubnis gefragt, ob ich ihr Bild posten darf. Trotzdem hoffe ich inständig, dass sie es mir verzeiht, weil das Foto einfach perfekt transportiert, wie diese Frau ist: Ein Mensch voller Lebensfreude und Schalk. Und voller Chaos noch dazu. Und mitreißend. Und herzlich. Und direkt. Im Minutentakt haut sie Scherze raus, die ich in die Kategorie „alter Konditoren-Witz“ einsortieren würde. Und die einem unter Umständen sogar tierisch auf die Nerven gehen können.

Aber diese Frau ist dermaßen pur, dass ich nie wusste, ob weiterlachen oder weiterstaunen.

Komponente zwei: Die Rezepte

Wenn man mir sagt, die Kursleiterin ist gelernte Konditorin und hat unter anderem in der Schweiz und in Kanada gearbeitet, würde ich mindestens ein bisschen Schnick-Schnack erwarten.

Stattdessen habe ich auf die natürlichste Weise eine Rückbesinnung auf das Wesentliche vermittelt bekommen: auf den Geschmack. Und für den braucht es, wie wir ja eigentlich wissen, oft ganz wenig. Aus vier Zutaten – Mehl, Zucker, Butter und Sesam – haben wir beispielsweise einen Mürbteig gemacht, der dann auf zweierlei Arten gebacken werden kann.

Als kleines Plätzchen im Ofen.

Oder als flache, biegsame Hippe im Hörnchenwaffeleisen.

(Note to the husband: Artikel steht schon auf der Weihnachtswunschliste…)

Vier Zutaten, zwei Backarten – zwei komplett unterschiedliche und gar köstliche Ergebnisse.

Auch die anderen drei Rezepte des Abends waren von den Zutaten her schlicht, aber im Ergebnis einfach herrlich.

Dazu die Einstellung des Profis, dass durchaus nicht jedes Plätzchen ganz exakt wie das andere aussehen muss, hat mir irgendwie so eine Erleichterung verschafft. Liegt’s an den Millionen perfekter Bilder im Netz, dass ich immer so kritisch auf meine eigenen Backwaren schaue? Und rege ich mich nicht ständig über die Foodstylisten auf, die mir vorgaukeln, was tatsächlich nur mit Spray, Kleber und Licht erreicht werden kann? Und trotzdem musste erst diese bodenständige Frau vom Fach kommen, damit ich mich daran erinnere: Hey, ich mach das zum Spaß! Das ist mein Hobby! Ich muss keinen Preis dafür bekommen. Es muss nur: Schmecken!

Komponente drei: Die Tipps

Nach diesem Kurs traue ich mich jetzt mal zu behaupten,  dass ich echt viel über’s Backen weiß. Vieles von dem, was Carola Merkel uns erzählt hat, mache ich genauso. Ich weiß, dass man Mürbteig vor dem Backen einsticht; ich kann den Teig von Hand kneten; ich habe mich viel mit der Konsistenz und Temperatur von Butter befasst; ich verarbeite nahezu jeden abgeschnittenen Kuchen- oder Keksteigrest mittels Sahne, Mascarpone, Früchten und Alkohol zu Desserts; beim Ersetzen von einer Zutat durch eine andere bin ich für jedes Experiment zu haben.

Aber diese kleinen Dinge, die einem einfach mal jemand gesagt haben muss: Zum Beispiel, dass man beim Ausrollen mit dem Nudelholz die Daumen nicht am Griff hält, sondern mit etwas Spiel auf der Rolle. Zwecks Führung.

Oder dass man das getauchte Plätzchen nach dem Tauchen und Abstreifen auf Papier setzt und ihm im Draufsetzen einen minimalen Schubs gegen die Schokoladenrichtung gibt. Zwecks Füßchen vermeiden. Oder dass es einfach ganz normal ist, dass die Butter, kaum hat man begonnen, sie aufzuschlagen, an der Schüsselwand klebt. Auch der Profibäcker muss sie gelegentlich wieder runterschaben. Oder dass man vor dem Reinbeißen am Boden riechen kann und – o herrlich neue Sinneserfahrungen macht.

Oder dass man verbrannte Plätzchen einfach an den Nachbarn weiterverschenken soll… 😉

Zu guter Letzt: Der Wahnsinn

Trotz des wunderbaren mis en place brach im Lauf des Abends das totale Chaos aus.

Die Chefin hier und da, mal in der Küche, mal am Tisch. Es fehlt ein Messer. Es fehlt eine Schere. Wo hab ich das Backpapier? Haben wir den Zucker in den Teig? Wollt ihr was essen? Lasst uns erst den Mürbteig ausrollen…

Da trat dann auch eine gewisse Erschöpfung der Kursteilnehmer ein. Und trotzdem gab es nicht den Hauch von Widerstand, als uns Carola Merkel irgendwann nach 21 Uhr befahl, je ein fertiges Plätzchen in die Hand zu nehmen und ihrem Mann, dem Küchenchef, in den unteren Stock zu folgen. „Ihr seid jetzt der Dörnröschen Werks-Chor!“ rief sie. Da unten feierte eine Dame ihren Geburtstag und ja: Zu den Klängen der Zieharmonika vom Hausherrn haben wir ungeprobt ein launiges Ständchen gebracht!

Am Ende war ich in Hochstimmung. Völlig überdraht, wie man mir zu Hause bescheinigte. Ich bin es vielleicht immer noch. Und voll der Absicht, mich nächstes Jahr nicht mehr verrückt zu ärgern wegen der Plätzchen. Finger weg von den fancy Rezepten; nicht jedes Jahr was Neues suchen; auf Einfaches, Altbewährtes setzen.

Nach Hause, raus aus der Odenwälder Sackgasse heißt zurück auf vertrautes Terrain!

7 Gedanken zu “Raus aus der Sackgasse

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